Waffenruhe im Nahen Osten, nervöse Tankstellenpreise und die Frage, ob wir als Gesellschaft beim Thema Mobilität eigentlich komplett auf Stand-by laufen: Im Podcast öffnen wir diesmal ein ziemlich großes Fass. Zwischen E-Auto-Frust, Bahn-Realität und portugiesischen Bus-Odysseen geht’s um die unangenehme Wahrheit hinter dem teurem Sprit: Unsere Abhängigkeit von fossilen Energien ist nicht nur klimaschädlich, sondern auch geopolitisch brandgefährlich. Dazu gibt’s Mainzer Bier in Portugal, ein bisschen Trump-Frust und die Erkenntnis, dass die Energiewende bislang oft eher Statussymbol als Volksprojekt ist.
Shownotes:
Eulchen Brauerei Mainz
Gösser NaturRadler
Transkription:
[00:00] Tilo: Henning, es ist wieder Frieden, Frieden auf der Welt. Der Irankrieg geht in die Waffenruhe. Irgendwie ist es zwar so, dass ich zumindest so eine gewisse Erleichterung gespürt habe, als ich die Nachrichten heute Morgen gesehen habe, aber ein Friede-Freude-Eierkuchen-Fest ist das noch nicht, oder?
[00:23] Henning: Nee, natürlich noch nicht, aber es ist auf jeden Fall zumindest ein Ausweg dahin. Ich habe bis gestern Abend wirklich keinen richtigen Ausweg gesehen. Experten vermuten ja, dass Trump schon gestern Nachmittag, als er diese Drohungen losgelassen hat, klar war, dass es einen Ausweg gibt. Die Vermittler und indirekten Gespräche mit dem Iran haben wohl so weit gefruchtet, dass er noch mal einen raushauen kann im Sinne von: „Wenn ich jetzt noch mal so richtig mit dem Säbel rassele, dann kann ich nachher auch sagen: ‚Schaut mal her, weil ich noch mal so richtig Gas gegeben habe, haben die jetzt Angst bekommen und im letzten Moment klein beigegeben‘.“
[01:27] Tilo: Wobei man dazu sagen muss: Pakistan ist ja bekannt dafür, dass sie eine entscheidende Rolle in der Weltdiplomatie gespielt haben bisher. Insofern ist es nicht kleinzureden, dass so ein Vorschlag jetzt von dem pakistanischen Premierminister angenommen wurde. Henning, wir haben bisher nicht über diesen Irankrieg geredet und das tun wir auch diesmal nicht. Wir haben das nur ins Intro gepackt, weil ich dir jetzt am Anfang diese klare und eindeutige Frage stelle: Irankrieg vorbei, an Deutschlands Tankstellen wieder alles gut?
[02:09] Henning: Ja, noch nicht so wirklich, glaube ich. Im Moment geht es zwar zumindest hier in Mainz nach unten, aber heute ist wirklich der erste Tag, an dem die Deutschen aufgewacht sind und man in den Nachrichten gehört hat, dass es einen Waffenstillstand gibt. Da gingen zwar die Ölpreise an der Börse runter und die Börse hoch – in Südkorea musste die Börse sogar ausgesetzt werden, weil sie sonst zu sehr Kapriolen geschlagen hätte –, aber an der Zapfsäule hat man das nicht so richtig gemerkt.
[02:45] Tilo: Aber wenn es sich jetzt an der Zapfsäule so richtig niederschlagen würde und wieder die 30 Cent runtergeht, kann ich den E-Wagen, den ich gerade gekauft habe, wieder zurückgeben?
[03:02] Henning: Genau, den kannst du dann wieder zurückgeben. Über den Rest reden wir gleich noch mal, weil das eigentlich unser Thema ist: Was wird das nach diesem Irankrieg mit unserem Mobilitätsverhalten machen?
[03:47] Henning: Ja, ich darf nur noch mit dem Fahrrad fahren. Alles unter 10 Kilometern muss ich mit dem Fahrrad zurücklegen. Ich weiß nicht, wie das bei dir ist, Tilo. Einen wunderschönen guten Abend, guten Tag, gute Nacht zur aktuellen Ausgabe „Auf zwei Bier“. Diesmal haben wir uns ein ganz tolles Thema rausgesucht. Wir sprechen heute wieder am virtuell längsten Tresen der Welt. Der geht von Portugal bis nach Mainz, und dementsprechend sitzt mein Kollege Tilo Wagner, geschätzter Freund und Kupferstecher, an der anderen Seite des Tresens. Hallo Tilo!
[04:41] Tilo: Hallo Henning! Wie lange habe ich dieses schöne Wort „Kupferstecher“ nicht mehr gehört. Danke für diese netten, warmen Worte nach Mainz in deine kleine Dachstube. Seit du die Webcam gewechselt hast und die so einen dynamischen Aufbau hat, ist es cool, wenn du dich hinter deinem Radiosprechschirm versteckst. Die Kamera versucht verzweifelt zu suchen, wo du bist, und zoomt dann immer auf irgendein Lämpchen in der Ecke. Es ist richtig spannend geworden. Leider könnt ihr das nicht sehen, weil wir beim Format Audio bleiben. Wir machen keinen YouTube-Podcast, hier wird es einfach weiter nur um Worte gehen, die wir uns gegenseitig um die Ohren schmeißen. Aber bevor wir das tun, Henning…
[05:33] Henning: Vielleicht zur 100. oder 150. Ausgabe?
[05:38] Tilo: Nein, vergiss es! Wir bleiben beim Audio-Podcast, sonst muss ich mir ja irgendwann auch noch mal anständige Klamotten anziehen, das will ja keiner. Du sitzt ja auch immer nur in irgendwelchen gammeligen T-Shirts da. Bevor wir aber jetzt in die Materie einsteigen und über das reden, was uns heute auf der Seele zwickt, würde ich sagen, fangen wir mal mit dem Bier an. Hast du etwas Besonderes?
[06:14] Henning: Also wenn du was Besonderes hast, dann fang du lieber an. Ich bin im Moment immer noch ein bisschen alkoholenthaltsam und dementsprechend habe ich kein großes alkoholisches Bier dabei.
[06:40] Tilo: Wie lange geht denn deine Fastenzeit? Ich dachte, die wäre mit Ostern vorbei?
[06:46] Henning: Das stimmt allerdings, sie geht noch ein bisschen länger. Insgesamt ein bisschen länger. Ein bisschen Alkohol muss schon dabei sein, deswegen gibt es heute ein Gösser Naturradler, das ich mir aus den Tiefen meines Bestands aus dem Keller rausgesucht habe. Was gibt es denn bei dir, Tilo?
[07:09] Tilo: Ich trinke ein „Eulchen“ aus Mainz. Dazu gibt es eine Geschichte: „Eulchen“ ist ein Bier, das in Mainz gebraut wird. Ich trinke in Portugal ein Mainzer Bier, weil mein geschätzter Freund Henning Schwörer auf die glorreiche Idee kam, mir zum Geburtstag ein kleines Mainz-Kehrpaket hier rüberzuschicken. Frei nach dem Motto: Alles, was ich in Portugal nicht bekomme, passte in dieses Paket rein. Da war zum Beispiel Spundekäse-Gewürz drin und diese kleinen Brezeln. Es waren ein paar schöne Bierchen dabei, Wein und Gummibärchen mit dem 05-Logo, die meine Kinder in einem Schlag weggeputzt hatten. Für mich war also auch was dabei, und das ist dieses Eulchen-Bier. Ich freue mich sehr, das an dieser Stelle noch mal öffentlich zu machen. Das war ein tolles Geschenk, Henning. Deshalb machen wir das Ding mal auf und dann kommt gleich die Bierkritik.
[08:42] Henning: Es war nicht nur meine Idee, sondern vor allem auch die meiner Frau.
[08:50] Tilo: Das hat man gemerkt, dass die organisierende Hand dahinter dafür gesorgt hat, dass das Ding rechtzeitig ankam. So, ich habe das Eulchen in meinem Leben noch nicht getrunken, insofern werde ich mal gucken, was das jetzt ist. Prost!
[09:12] Henning: Prost!
[09:14] Tilo: Mhm, das ist ein bisschen süßlicher. Fast so ein bisschen zwischen Export, Kristall und Pils. Eine breite Range, aber es geht eher in den süßen Bereich rein.
[09:37] Henning: Das ist dieses Fastnachtsbier, das ich dir geschickt habe, richtig?
[09:42] Tilo: Nee, das Fastnachtsbier war noch mal was anderes. Das ist einfach nur das ganz normale Eulchen-Bier.
[10:00] Henning: Steht da vorne nicht „Helles“ oder so was drauf?
[10:02] Tilo: Nee, da steht „Pils“ drauf. Deshalb war ich ein bisschen überrascht, weil es hintenrum doch ein bisschen in Richtung Helles geht, mit einer leicht süßlichen Note. Aber es schmeckt gut, kannst du gerne immer mal wieder rüberschicken.
[10:13] Henning: Ich schicke dir demnächst einen ganzen Kasten. Apropos hintenrum: Vor einigen Wochen hat es ja begonnen mit diesem Irankrieg. Seitdem haben die Mineralölkonzerne die Benzinpreise erhöht. Wir hatten jetzt am 6. April – ich habe noch mal nachgeguckt – Diesel bei 2,44 Euro und Super E10 bei 2,16 Euro. Das war ein Unterschied von etwa 40 Cent bis vor dem Irankrieg, beim Diesel sogar noch mehr. Die Frage, die man sich natürlich stellt: Sollten wir daraus lernen, dass wir von fossilen Brennstoffen abhängig sind? Suchen wir uns alternative Möglichkeiten oder ist es einfach nur ein tragisches Schicksal, das wir so miterleben müssen? Früher haben wir immer gedacht, dass so eine Energiekrise nur auf Gas, Heizung und in der Kälte sitzen abzielt. Im Moment ist das ganz anders, weil durch die Ukraine diese Gasgeschichte ja auch noch nicht ganz ausgestanden ist und jetzt kommt auch noch das Öl dazu.
[12:12] Tilo: Du hast in gewisser Weise die Antwort auf deine Frage schon in deinem letzten Zusatz gegeben. Ich bin mir sicher, dass wir auch schon in unserem Podcast in den letzten sieben Jahren das eine oder andere Mal über Energie und erneuerbare Energien geredet haben. Das kommt immer punktuell wieder hoch. Daran merken wir, wie abhängig wir von diesen Rohstoffen wie Erdöl oder Gas noch sind, in der gesamten Wirtschaft, aber im Verkehr vor allem. Das bedeutet auch, dass wir in der Zwischenzeit keinen absoluten Eins-zu-eins-Ersatz gefunden haben. Wir arbeiten daran. Vor zehn Jahren war es noch schwierig, überhaupt ein Ladegerät für Elektroautos an einer deutschen Tankstelle zu finden. Das hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Es ist einfach nur sehr langsam. Und warum ist das so langsam? Weil die Erdöl- und Gaspreise stabil waren und meistens stabil sind, und zwar auf einem Niveau, das durch ein Kartell gesteuert wird. Die OPEC ist ja eine Vereinigung, die die Preise durch die Ausgabemenge festlegt. In großen Krisenmomenten wie einem Krieg im Nahen Osten oder Sanktionen gegen ein Förderland wie Russland schafft es der Ölmarkt nicht, diese Schocks zu überwinden. Dadurch kommen wir in Sphären hinein, wo es uns richtig wehtut, wenn wir weiterhin an fossilen Rohstoffen festhalten. Das kann aber an sich auch eine Chance sein. Ich erinnere daran, dass die Grünen vor 25 oder 30 Jahren die Idee hatten, Benzinpreise von 5 Mark pro Liter einzuführen. Da sind wir jetzt momentan gerade fast, wenn man das umrechnet. Es tut den Leuten weh. Was 5 Mark 1997 bedeutet haben, ist noch mal was anderes als heute 2,50 Euro, aber es ist keine neue Idee, dass man hohe Preise braucht, um die Energiewende zu beschleunigen.
[16:10] Henning: Da stimme ich dir grundsätzlich zu, aber da hängt natürlich ein Rattenschwanz hinten dran. Deswegen fand ich diese Diskussion ein bisschen arg kurz gesprungen, wenn man gesagt hat, man sollte das jetzt als Chance sehen. Das ist eine Frage, die unter dem Thema Umweltschutz oder Klimaschutz steht. Aber auf der anderen Seite: Wie kriegt man so was einigermaßen vernünftig gewuppt? Wir haben es ja jetzt gesehen, da hängt noch viel mehr dran. Ich kann ja nicht einfach den Diesel teurer machen, wenn dann alle Lebensmittelpreise in die Höhe schießen. Das ist keine schnelle Lösung. Auch das Problem in Deutschland: ÖPNV oder Bahn ist im Moment keine wirkliche Alternative. Auf dem Blatt Papier natürlich schon, aber für viele ist es nicht möglich, weil es entweder teuer oder von der Anbindung her total absurd ist. Wir haben kein Streckennetz in Deutschland, wo man sagen könnte: „Hurra, ab morgen wird alles gut.“
[18:27] Tilo: Einspruch an dieser Stelle! Komm nach Portugal und ich zeige dir, wie ÖPNV nicht funktioniert.
[18:42] Henning: Ich habe letztens die Geschichte gehört, dass die Schweizer die Deutsche Bahn gar nicht mehr in die Schweiz reinlassen. Du fährst nach Basel in so einen Vorbahnhof und musst dort umsteigen in die Schweizer Züge, weil die Deutsche Bahn die Fahrzeiten der Schweizer Züge durcheinanderbringt, weil sie kategorisch zu spät ist. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass da noch nicht alles im Lack ist. Auch die Geschichte mit den E-Autos: Natürlich steigt das Interesse, aber ich habe mich schon vor Jahren gewundert, wenn ich nach Holland gefahren bin, was dir da an Elektroautos auf der Autobahn entgegenkommt. Da wird das Thema Elektrizität in einem ganz anderen Maße gelebt. Auch an der Tankstelle ist eine E-Ladesäule nicht so eine versteckte Säule in der Ecke, sondern da stehen zwölf Säulen gleichzeitig. Da ist gerade in Deutschland noch Nachholbedarf. Solange die Hausaufgaben nicht gemacht worden sind, gibt es noch viel zu tun.
[20:53] Tilo: Du sprichst einen wunden Punkt an, und das richtet sich vor allem an die Politik. Wenn du nur eine Politik hast, die auf solche Energiekrisen reagiert, indem sie ein paar Steuern vom Preis runternimmt, dann sind das Maßnahmen, die der gesamten Entwicklung hinterherlaufen.
[21:29] Henning: Kurze Zwischenfrage: Wie teuer ist denn im Moment Super in Portugal?
[21:37] Tilo: Der Super ist an manchen Tankstellen so um die 1,95 Euro, also noch ein Stück unter Deutschland. Das kommt nicht ganz an das ran, was die Spanier machen, da kann man noch für 1,55 Euro oder 1,60 Euro tanken. Im Grenzgebiet in Portugal fahren viele 40 oder 50 Kilometer über die Grenze, um dort zu tanken. Das zum Thema Energiewende – das bringt dem CO2-Ausstoß eine ganze Menge, wenn man noch mal 100 Kilometer fährt, nur um tanken zu gehen. Insgesamt muss man sagen, dass Portugal ein Ticken besser dasteht, was das Netz für Elektroautos anbetrifft. Da wurde in letzter Zeit viel getan, auch von Privaten. Fast alle Lidl-Parkplätze in Portugal haben Schnellladesäulen. Das ist besser verzahnt: Tankstellen, staatlich geförderte Säulen, aber eben auch Supermärkte oder Shopping-Malls. Die besten Parkplätze direkt am Eingang sind für Elektroautos. Das sind kleine Zeichen, die die Gesellschaft setzt: Es lohnt sich. Portugal hat den Vorteil, dass wir beim Ausbau der erneuerbaren Energien im Stromnetz schon bei über 70 Prozent sind. Das bedeutet auch, dass der Preis für den Strom insgesamt deutlich geringer ist als in Deutschland. Was den öffentlichen Nahverkehr anbetrifft, wurden hier richtungsweisende Entscheidungen getroffen. Zum Beispiel die Einführung eines Monatstickets im Großraum Lissabon für 40 Euro. Da redet man von fast 80 oder 100 Kilometern, die man durchfährt. Und jetzt fahren alle Kinder, Jugendlichen und Studierenden bis einschließlich 23 umsonst. Das bringt etwas, wenn die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs nachzieht. Kleine Anekdote: Meine Tochter war mit ihren Freundinnen mit dem Bus unterwegs. Mit dem Auto wären das vielleicht 6 oder 7 Kilometer gewesen, sie waren drei Stunden unterwegs. Der eine Bus hatte einen Motorschaden. Wie soll so was effizient sein? Da fehlt es einfach. Wenn das System keine Antwort auf die Nachfrage findet, verliert man die Leute wieder. Wenn die 18 sind, wollen sie auch wieder ein Auto, weil sie sich daran erinnern, dass sie mal drei Stunden für 6 Kilometer gebraucht haben.
[27:21] Henning: Da hast du vollkommen recht. Deshalb die Frage zurück zum Verbrenner: Wie sollten wir jetzt damit umgehen? Würdest du dein nächstes Auto mit dem Wissen der letzten vier Wochen auf jeden Fall als E-Auto kaufen, um geopolitisch unabhängig zu sein? Oder hältst du das für unrealistisch?
[27:58] Tilo: Das ist ein guter Punkt. Das Interessante ist ja, dass wir über diese ganze Energiewende bisher rein aus dieser ökonomischen Perspektive heraus gesprochen haben. Vor ein paar Jahren haben wir das noch viel ideologischer gesehen: Klimawandel, Katastrophe. Du selber hast dir damals einen Plug-in-Hybrid gekauft, der mittlerweile auch wieder weg ist. Wenn wir diese gesamte Klima- und Energiedebatte nur aus dem ökonomischen Standpunkt heraus führen, dann verlieren wir sie. Es braucht eine gewisse Grundidee: Wenn wir uns nicht ein bisschen hinmachen und diese Energiewende hinbekommen, dann werden wir in Teufels Küche kommen. Die Temperaturen auf der Welt gehen nach oben. Gestern kam eine Schätzung hoch, dass über zwei Milliarden Menschen von schweren Dürren und Hitzewellen betroffen sein werden. Eigentlich müssten wir viel ideologischer darüber reden. Das machen wir nicht, das ist auch einer gewissen Ernüchterung in der Politik geschuldet. Die Grünen haben es auch nicht geschafft, in ihrer Regierungszeit wirklich was auf die Beine zu stellen. Aber wenn man diesen Disclaimer wegnimmt: Es hängt vor allem auch am Preis. Ich bin keiner, der Millionen verdient. Ich kann mir keinen SUV-Porsche für 130.000 Euro kaufen. Selbst so ein kleiner Kleinwagen mit einer gewissen Grundautonomie kostet im Gebrauchtwagenmarkt über 30.000 Euro. Der Markt gibt momentan noch keine Lösungen für dieses Hauptproblem her. Die Energiewende ist momentan so ein bisschen wie ein Spielzeug für die gut besitete obere Mittelschicht.
[31:57] Henning: Im Moment sehe ich es wirklich fast selbst als Leidtragender so: Es ist mehr ein Statussymbol geworden als ein Statement im Sinne von „Ich möchte ökologischer werden“. Das Gleiche ist auch bei der Photovoltaikanlage passiert, wobei ich es da fast noch positiver finde. Im Grunde ist es beim Auto auch so: Jeder, der mit einem Elektroauto zurande kommt, soll sich dessen erfreuen. Aber ich habe das Gefühl, dass es sehr viel mit Status zu tun hat. Es ist einfach noch nichts für den „kleinen Mann“, der sich so was nicht leisten kann. Es geht schon damit los, dass du in einem Mehrfamilienhaus keine Wallbox anbringen kannst. Es gibt da tausend Fragen, die nicht beantwortet sind.
[33:51] Tilo: Insofern ist es einfach so ein Mix: Die Politik hat versagt, die Wirtschaft hat versagt – siehe Autoindustrie, die viel zu spät gemerkt hat, dass wir umsteigen müssen. Und als Drittes sind wir es auch selbst, die versagt haben, weil wir nicht genügend eigene Ressourcen darauf verwendet haben und weil die Mehrheit mittlerweile Parteien wählt, die den Stillstand oder den Rückschritt wollen. Und dann dürfen wir uns auch nicht wundern, dass das Benzin an der Tankstelle teurer ist, wenn so ein Idiot wie Trump den Iran angreift. Augen zu und durch, so haben wir es uns selbst eingebrockt. Prost!
[36:27] Henning: Prost! Wir haben es uns nur zur Hälfte selbst eingebrockt, weil ich Trump leider nicht gewählt habe. Aber mittlerweile sind die Umfragewerte von Donald Trump zum Glück so schlecht wie lange nicht mehr im Inland. Das gibt zumindest für die Midterms eine leichte Hoffnung.
[37:02] Tilo: Ich will dir deine Hoffnung nicht nehmen, ich will nur sagen: Das Grundproblem ist dadurch nicht gelöst. Egal ob da ein Trump rumläuft oder ein Netanjahu oder ein iranischer Idiot, die irgendwelche Kriege anzetteln. Das können wir nicht kontrollieren. Vor allem als Europäer nicht, die militärisch so aufgestellt sind, wie sie sind. Wenn wir nicht in diese Falle tappen wollen, bei jeder Schwankung von Energiemärkten zusammenzuzucken, dann muss die Schlussfolgerung sein: Ja, wir brauchen mehr Autonomie, und die kriegen wir tatsächlich über die Energiewende.
[38:02] Henning: Das hast du sehr schön gesagt. Ich wollte nur noch ein kleines Sternchen dranhängen: Wir wussten alle, dass die Machthaber im Iran nicht gerade die Nettesten sind, aber für mich stellt sich das so dar, dass diese Mischung aus Netanjahu und Donald Trump natürlich ein perfekter Mix war, um den Iran anzugreifen. Donald Trump hat so was überhaupt nicht durchdacht getan. Da liegt das Problem. Gestern hat ein UN-Kommissar Trumps Äußerungen als widerlich bezeichnet. Das ist das richtige Wort dafür.
[39:39] Tilo: Wenn solche verrückten Leute wie Donald Trump in der Welt rumlaufen, dann müssen wir uns nicht wundern. Wir brauchen einfach mehr Emanzipation Europas, das sollte sich auch im Energiesektor fortsetzen. Wir müssen einfach noch ein bisschen schneller und zackiger werden.
[40:35] Henning: Da machen wir jetzt den Deckel drauf, besser kann es nicht mehr werden.
[40:45] Tilo: Noch mal ein schöner Satz zum Eulchen: Ich kann es empfehlen, es ist ein Sommerbier. Ich freue mich darauf, wenn wir uns im Sommer in Mainz wiedersehen und zusammen eins trinken.
[41:03] Henning: Da freue ich mich auch drauf. Das war’s mit der aktuellen Ausgabe „Auf zwei Bier“. Wenn ihr noch was zu sagen habt, dann schreibt uns an . Ansonsten hören wir uns in einem Monat wieder.
[41:29] Tilo: Dann mach’s gut, Henning. Tschüss an alle!
[41:35] Henning: Bis dahin, ciao!


