Versteckspiel im DFB-Camp und Kloppo in der Warteschleife

Es ist fast ein historischer Moment: Tilo und Henning sitzen tatsächlich im selben Postleitzahlengebiet und senden live aus einem verlassenen Mainzer Biergarten. Der Grund für die gespenstische Leere am kürzesten Tresen der Welt? Deutschland ist bei der WM hochkant gegen Paraguay rausgeflogen, während sich Tilos Portugiesen tapfer im Turnier halten – weshalb Henning heute auch zähneknirschend das Frust-Krombacher zahlen muss. Bei so viel sportlicher Demütigung bleibt uns nur noch die Flucht in die gnadenlose Analyse: Hat sich Julian Nagelsmann endgültig verzockt und lauert Jürgen Klopp schon als DFB-Heilsbringer im Hintergrund? Außerdem klären wir, warum die Nationalmannschaft dringend wieder die hohe Kunst des deutschen Rumpelfußballs erlernen muss und wieso die Spieler im Trainingslager angeblich lieber Verstecken gespielt haben, als sich auf das Elfmeterschießen vorzubereiten.

Transkription:
[00:00]
Wir fangen heute mal ganz anders an. Das Bier kommt ganz am Anfang, weil wir es nämlich live zusammen trinken in einem Biergarten in Mainz, und zwar direkt hinter dem alten Bruchweg-Stadion, wo Klopp ganz oben groß noch uns zulächelt aus seiner Mainzer Zeit vor geschätzt 20 Jahren. Dass wir beide jetzt hier zusammensitzen und wir uns anschauen können, wie Norwegen und Brasilien sich warm machen, aber wir können das Spiel wahrscheinlich nicht sehen, weil der Laden wahrscheinlich früher zumacht, als uns lieb ist. Aber gut, das werden wir bis zum Letzten natürlich für euch, liebe Hörer, rausfordern.

[00:46]
Richtig. Und an dieser Stelle sei gesagt, dass dieses erste Bier, was wir jetzt zusammen hier trinken, übrigens ein Krombacher direkt vom Fass, das ist so was, was wir auch beim Podcast eigentlich noch nie hatten. Was vom Fass, ne? Ja, was vom Fass. Auf jeden Fall das musste Henning zahlen, und ihr wisst alle warum: weil Portugal weitergekommen ist als Deutschland. Deutschland ist ja im Achtelfinale raus. Portugal ist noch dabei. Morgen werden denen wahrscheinlich die Leviten gelesen, aber heute kann ich mich hier noch im Ruhm und Erfolg krümmen. Und ich würde sagen, wir starten erst mal mit dem Intro, oder? Dann fangen wir doch einfach an.

[01:58]
Ja, wir sitzen hier am kürzesten Biertisch der Welt. Direkt hinterm Bruchweg-Stadion, dem alten Stadion der 05er in Mainz. Und ja, eigentlich wäre hier Public Viewing angesagt: Norwegen gegen Brasilien beziehungsweise Brasilien gegen Norwegen. Aber da hier so viele Leute am Start sind, die genau dieses Spiel sehen wollen – dabei wird es gar nicht bei den Öffentlich-Rechtlichen übertragen, by the way. Gar nicht? Nein. Ach komm. Du kannst es nur bei Magenta schauen, oder vielleicht hätten sie uns den Fernseher einfach draußen gelassen.

[02:50]
Bist du dir sicher? Ich bin mir so sicher. Wollen wir das kurz noch mal recherchieren? Ja, kannst du gerne recherchieren. Ja, du hast absolut recht, das kommt auf Magenta. Ich kann dazu nur sagen, Henning, dass das Public Viewing sich auch so ein bisschen gewandelt hat über die letzten Jahrzehnte. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass die Deutschen rausgeflogen sind und deshalb die Stimmung raus ist. Aber in Deutschland leben ja so viele Migrantengruppen. Wir sind hier ganz in der Nähe von der Uni. Hier ist ein Biergarten, da läuft ein Spiel. Wenn hier irgendwie jetzt 100 brasilianische Fans sitzen würden und 50 Norweger, dann würden die diese Bar auch noch ein bisschen offen lassen und dann hätten wir hier Stimmung. Und so sitzen wir jetzt offiziell alleine hier.

[03:42]
Ach du Sch*#e. Und wir haben uns noch Gedanken gemacht, dass wir hier irgendwelche Atmo aufnehmen, die wir gar nicht haben wollen. Das ist ein bisschen blöd. Nee, ich muss ganz ehrlich sagen, gestern das Spiel von Marokko gegen Kanada – danach war ich in Frankfurt arbeiten, 1500 Marokkaner mal schön im Freudentaumel durch die Frankfurter Innenstadt. Also so ist es nicht. Schön mit Böllern und so, so wie man es traditionell auch macht in Marokko. Das war schon nicht schlecht.

[04:22]
Das gab es heute hier nicht in diesem Biergarten, aber dafür gibt es eine neue Ausgabe von unserem Podcast ‚Auf zwei Bier‘, Henning. Und diesmal hast du absolut recht: Wir machen diesen Podcast so eng beieinander, dass praktisch der Grund für diesen Podcast überhaupt entfällt, nämlich dass wir am längsten Tresen der Welt sitzen. Das passiert diesmal nicht. Und deshalb müssen wir uns auf das Inhaltliche konzentrieren. Ich würde sagen, wir fangen jetzt erst mal an mit dem Bier. Prost noch mal offiziell. Wir beide trinken Krombacher.

[05:14]
Genau. Und da sehen wir hier nämlich auf dem Bildschirm gerade als Magenta-Experte einen Mann, der eventuell demnächst Nationaltrainer sein könnte: Jürgen Klopp, genannt Kloppo. Und ja, es ist schon ein bisschen surreal, wie sich dieses ganze Spiel aufgezogen hat. Er hat ja seit vier Wochen praktisch dieses Mikro in der Hand. Noch hat er das Mikro in der Hand. Und bevor Deutschland überhaupt einmal gegen den Ball getreten hat bei dieser WM, hat er sich praktisch schon in die Startposition gehievt, um der neue Bundestrainer zu werden. Wie findest du das im Nachhinein?

[06:17]
Man muss dazu sagen, das hatte er ja anscheinend vorher schon, aber da waren offensichtlich einige Gegebenheiten nicht so optimal, dass er hätte Bundestrainer werden können. Das wäre ja 2023 gewesen, wenn ich mich nicht täusche, als Nagelsmann rankam oder nach der WM 2022 in Katar. Da ist doch der Flick rausgeflogen und dann kam Nagelsmann und hat die EM vorbereitet. Und zu dem Zeitpunkt war er eben noch Liverpool-Trainer. Und ich glaube, da hat er einfach ein Problem gehabt, das mitten in der Saison dann hinzuschmeißen. Überhaupt, glaube ich, war das mit Liverpool so eine enge Geschichte emotional, dass er da anders verortet war.

[07:11]
Dass er jetzt – und das ist nämlich die große Frage – ist er nach Liverpool dann praktisch in diesen Trainer-Ruhestand gegangen und hat so einen komischen Job bei Red Bull angenommen nur, weil er die ganze Zeit in Wartestellung war? Das könnte man ihm ja natürlich jetzt unterstellen. Ich finde die ganze Geschichte ehrlich gesagt so ein bisschen unglücklich, weil auf der einen Seite wird es natürlich Nagelsmann nicht gerecht. Er hat sich noch – außer jetzt in irgendwelchen Pressestatements – noch kein Mal irgendwie dazu geäußert, was er da irgendwie findet. Es gab also noch kein richtiges Interview dazu, auch nicht mit irgendeinem deutschen Spieler.

[08:14]
Außer diesen Flash-Interviews da nach dem Spiel direkt. Und das zweite ist dieses Aufgedränge von Jürgen Klopp, das behagt mir irgendwie nicht so. Ich finde, das wird Nagelsmann auch nicht so gerecht, weil am Ende des Tages ist wahrscheinlich er ja nicht das einzige Problem. Und für Jürgen Klopp, um es mal gleich vorwegzunehmen, ist es natürlich eine riesige Gefahr, weil im Moment ist er eigentlich der geile Trainer, der schon vieles gerissen hat in seiner Laufbahn. Und er kann sich auch in den Strukturen vom DFB genauso verbrennen wie jeder andere vor ihm auch. Absolut, es geht um die Strukturen im DFB.

[09:12]
Das änderst du ja nicht einfach nur mit dem Auswechseln vom Trainer. Stichwort NLZ, Nachwuchsleistungszentren – gibt es ja viele in Deutschland, wo praktisch die jungen Kicker herangezüchtet werden vom DFB. Das Problem ist nur, dass die halt alle praktisch das, was sie irgendwie auf dem Bolzplatz so einzigartig gemacht hat, also dieses ‚ich spiel, wie mir der Schnabel gewachsen ist‘, das wird denen da abtrainiert und es gibt keine Spieler, die halt irgendwie so einen eigenen Charakter haben. Und das ist auch ein ganz wichtiger Punkt in der Nationalmannschaft.

[10:08]
Das stimmt. Also ich glaube, du hast absolut recht, wenn du auf diesen Punkt noch mal mit Nagelsmann zurückgehst. Im Eifer des Gefechts und nach dieser wirklich bitteren Niederlage gegen Paraguay bin ich natürlich auch auf die Barrikaden gestiegen und habe gesagt: Was hat er da noch zu suchen, der Nagelsmann? Er hat sicherlich auch ein paar Fehler gemacht, würde ich sagen, was Taktik anbetrifft und auch die Aufstellung und so weiter. Aber wir können das noch zu Ende trinken. Ja, klar, gerne.

[11:13]
So, das ist WM-Stimmung in Deutschland nach dem Ausscheiden der deutschen Fußballnationalmannschaft. Da kommt um 21:23 Uhr jemand in den Biergarten und sagt, es wird hier Schluss gemacht. Ansonsten hätten wir gestern gegen Frankreich gespielt und nicht Paraguay. Sehr wahrscheinlich. Man muss dazu sagen, diese Entscheidung, Nagelsmann zum Beispiel zu feuern, ist ja auch wieder so schnell gefallen worden, dass man noch nicht mal das Spiel Frankreich gegen Paraguay abgewartet hat, was die deutsche Niederlage etwas aufgewertet hat. Es war dadurch klar: Okay, selbst diese Hypermanschaft Frankreich schafft es nur durch ein Elfmetertor gegen Paraguay weiterzukommen.

[12:27]
Und diese super eklige Art und Weise von Paraguay, Fußball zu spielen – das können sie machen, wie sie wollen. Aber trotzdem ist das irgendwie eine Sache, von der zu reden, ja, Grottenkick und so was. Natürlich war das so, aber ich fand nicht, dass die Nationalmannschaft sich überhaupt jetzt während dem ganzen Turnier irgendwie groß mit Ruhm bekleckert hat. Aber sie sind halt irgendwie – und das haben sie ja früher auch – sie sind dann halt irgendwie durchgekommen und haben das halt irgendwie gemacht. Auf genau dem Niveau waren sie auch jetzt unterwegs, und da kann man ihnen eigentlich keinen Vorwurf machen.

[13:38]
Was ich noch sagen wollte: Ich bin auch nicht davon überzeugt gewesen, dass die deutsche Mannschaft Weltmeister wird. Das muss man einfach mal ganz klar sagen. Das haben wir ja auch in unserem Tipp vor dem Spiel in der letzten Folge auch bearbeitet. Spätestens gegen Frankreich wäre Schluss gewesen. Es stimmt schon, ich glaube auch, dass in der Gruppenphase – es gab halt diesen sehr hohen Sieg gegen eine auch wahrscheinlich die schlechteste Mannschaft des Turniers, Curaçao, was die Qualität anbetrifft, und danach ja immerhin auch noch einen ordentlichen Sieg gegen eine starke afrikanische Mannschaft. Das heißt, es war im Nachhinein nicht alles so schlecht.

[14:40]
Aber ich glaube, es war – und das ist irgendwie das, was man dem DFB ein bisschen vorwerfen will – die haben jetzt in den letzten Jahren eine ganze Reihe wirklich hochkarätiger… also nach Jogi Löw haben sie den Flick, der mittlerweile in Barcelona einen Erfolg nach dem anderen einsammelt und Champions-League-Sieger ist und sonst was. Und den Julian Nagelsmann, der ja auch als das Trainertalent jahrelang gefeiert wurde und ja auch darüber hinaus gezeigt hat, was er kann, in kürzester Zeit verfeuert. Diese Art und Weise, mit so was wie dem DFB-Trainerposten umzugehen, ist schon ein bisschen gefährlich, weil das kann dem Kloppo genauso passieren.

[15:58]
Der könnte der Nächste sein, der halt bei der EM irgendwie wegen irgendeiner komischen Entscheidung oder keine Ahnung was im Viertelfinale rausfliegt, und was dann? Geht er auch? Oder gibt man dem DFB-Trainer jetzt mal einfach, so wie früher, mal so 10, 12, 16 Jahre Platz? So viele waren es nicht, aber der Vogts wurde ja, glaube ich, zwischen 92 und 2000… waren acht Jahre, glaube ich, die er den Chefposten innehatte. Aber Jogi Löw von 2008 bis 2022. Gut, aber auch ein kleiner Erfolg halt dazwischen, das hat ihn natürlich ein bisschen gepusht. Ja, natürlich, aber die Mannschaft war selbst… kam natürlich auch weit immer bei den Turnieren und so weiter.

[17:13]
Aber trotz alledem muss man, glaube ich, realistisch auch immer auf die jeweilige Fußballergeneration gucken. Was haben wir momentan? Da sind ein paar sehr gute Fußballer dabei. Da sind auch ein paar richtig große Schwachstellen drin: Außenbahnen, rechte Außenbahn zum Beispiel. Sollten sie von den Portugiesen welche holen, die haben fünf auf der Bank sitzen, die auf der Position in der deutschen Nationalmannschaft spielen könnten. Ich muss ja sagen, ich bin ja kein Fußballtaktiker und kann da auch nicht so tolle Analysen schwingen, aber muss man immer über links oder rechts kommen? Das ist irgendwie immer so die große Frage.

[18:31]
Da bietet sich ja noch die Mitte an, Henning. Es war halt – ich weiß nicht mehr bei welcher Mannschaft das war – wo halt praktisch wirklich nur immer über eine Seite beackert wurde und ich mich dann nach einer Zeit auch fragte: Ja, also das muss ja jetzt der Blödeste halt auch kapiert haben, dass sie immer über links kommen oder so. Das stimmt. Aber weißt du, das ist auch das, was bei den Deutschen irgendwie ein bisschen abhandengekommen ist: Dass du in sehr schwierigen Spielen, wo einfach die Abwehrreihen sehr kompakt stehen, nicht darüber hinauskommst, diese Halbflanken aus dem Mittelfeld zu schlagen und in den Strafraum rein und dann versuchen reinzuköpfen.

[19:47]
Da stellt sich aber halt so eine Mannschaft wie Paraguay mit zehn Mann in den Strafraum. Genau, aber trotzdem ist das irgendwie eine Sache… wir machen ja… Ich stopp. Ach ja, du musst bezahlen. Henning, das geht runter wie Butter, dass du das jetzt bezahlen musst, das ist herrlich. Wette verloren. Genauso, Wette verloren. Danke. Witzig. Genau. Was wolltest du sagen? Wette verloren, Henning. Genau. Dass die Deutschen eben das, was sie in den 90er Jahren – ich kann mich daran erinnern, das waren auch teilweise nicht die besten Fußballer, die da auf dem Platz standen -, aber was sie dann immer noch machen konnten, war eine Flanke auf Bierhoff, und der hat das Ding dann reingemacht.

[21:04]
Und das ist irgendwie so eine Qualität, die ja selbst auch die Portugiesen zum Beispiel im Spiel jetzt gegen Kroatien im Achtelfinale gerettet hat – das 2:1 war auch so eine Halbflanke außen links und dann Kopfball rein. Das ist eine Sache, die den Portugiesen viel weniger steht oder das würde man von denen viel weniger erwarten als von den Deutschen. Das ist eine Qualität der Deutschen immer gewesen. Ich habe irgendwie so das Gefühl, dass man so ein bisschen… dadurch, dass man auch wirklich eine ganze Menge von wirklich sehr guten Fußballern in den letzten Jahrzehnten in Deutschland hatte, dass man dadurch ein bisschen diese Art und Weise zu spielen vergessen hat.

[22:15]
Vielleicht auch in diesen Förderzentren – ich weiß, ich kenne mich da nicht richtig aus -, aber vergessen hat, dass es immer noch eine Ersatzlösung braucht. Und die sollte eigentlich, finde ich, so deutsch aussehen wie möglich. Also deutsch in dem Sinne – mal Rumpelfußball meinst du? So ähnlich, wie der deutsche Fußball eigentlich über Jahrzehnte auch immer war und ist. Er sollte sich darauf konzentrieren: extrem hohe Kampfbereitschaft nach vorne, stark im Mittelfeld und dann diese Halbflanken-Kopfballtore. Warum nicht? Am Schluss geht es darum, dass man weiterkommt in einem Turnier, und man muss nicht immer spielen wie die Brasilianer, die übrigens auch seit 24 Jahren nicht mehr Weltmeister geworden sind.

[23:29]
Ich glaube, sie werden es diesmal auch nicht, ehrlich gesagt, weil so wahnsinnig überzeugt haben die mich nicht. Vielleicht fliegen sie heute schon noch raus. Das werdet ihr, liebe Hörer, jetzt schon wissen. Wir wissen es noch nicht. Aber wenn ich tippen würde, dann würde ich sagen: Brasilien hat jetzt nicht so den Knaller da irgendwie auf dem Feld stehen. Ich glaube, Neymar sitzt noch auf der Bank, aber der wird es jetzt auch nicht irgendwie reißen. Genau, der Vinícius Júnior, der ist natürlich auf der linken Außenbahn, der bei Real Madrid spielt, das ist schon ein sehr starker Spieler. Also der kann solche Spiele auch entscheiden.

[24:43]
Ja, aber insgesamt, wenn wir dann noch mal zurückkommen, glaube ich, dass das eher so eines der Probleme ist, dass man sich nicht auf seine Stärken besinnt. Und da muss man auch sagen: Die Stärken des deutschen Fußballs haben nicht immer was mit Technik zu tun. Es ist gut, dass wir mittlerweile einfach auch einen breiten Stamm von technisch sehr guten Fußballern haben, aber darüber hinaus sollten wir eben unsere Ursprünge nicht vergessen. Genau das ist nämlich mein Punkt. Ich finde halt einfach, dass dieses Standardspiel irgendwie so ein bisschen aufgebrochen werden muss und man solchen Spielern dieses anders Spielen nicht wegnehmen darf, dadurch, dass ihnen irgendwelche Taktiken oder Spielzüge aufgebeult werden.

[26:04]
Genau. Und ich meine, das ist ja auch eine Sache, die die internationale Presse nach dem Ausscheiden der Deutschen ja auch abgefeiert hat. Ich erinnere mich an eine Überschrift – Italien, Spanien, keine Ahnung, wo das herkam -, wo sie geschrieben haben: Und jetzt können die Deutschen noch nicht mal mehr Elfmeter schießen. Einfach weil das ja die letzte Konstante des deutschen Fußballs war: Wenn es ein Elfmeterschießen gab, dass die Deutschen das eben gewinnen. Aber Elfmeterschießen ist ein Zufall, ist ein Glücksspiel und da kann man auch, finde ich, durchaus danebenliegen. Sorry, das hatte ab dem Zeitpunkt nichts mehr mit Können zu tun. Ich hatte schon überlegt, ob ich dann ausschalte, weil ich mir das nicht mehr ansehen konnte, aber da hat natürlich dann doch schon die Neugierde ein bisschen überwogen.

[27:32]
Elfmeterschießen hat nichts mit Können zu tun, oder? Na ja, das geht da schon auch um Taktik. Klar, wenn du oben links… Nee, aber ich meine: Warum schießt der Tah, der, glaube ich, in seinem Leben noch nie in einem offiziellen Spiel einen Elfmeter geschossen hatte, den wichtigsten Elfmeter in diesem Elfmeterschießen gegen Paraguay? Warum ist da nicht ein Goretzka, der in seinem Leben wahrscheinlich schon 300 geschossen hat? Das scheint mir so zu sein, dass der Nagelsmann wahrscheinlich gesagt hat: Wer will? Dann haben sich ein paar gemeldet und ein paar nicht, und dann hat er gesagt: Komm, mach doch du. Also keiner will das wahrscheinlich. Das spricht so ein bisschen für diesen allgemeinen Verlust eines Selbstvertrauens.

[28:44]
Ich glaube, Elfmeterschießen hat viel mit Selbstvertrauen zu tun. Wenn eine Mannschaft gut ist, wenn es da funkt, wenn die von sich überzeugt sind, egal wie, dann kriegen die das hin, weil da geht es einfach um Willensstärke häufig. Das war bei Deutschland eigentlich bei den Elfmeterschießen immer der Fall, dass es so eine Grundüberzeugung gibt: Das kriegen wir hin. Das ist unsere Sache jetzt. Einfach so ein Wille. Und die Frage, ob das praktisch das Spiegelbild der deutschen Gesellschaft heutzutage ist, das wäre dann etwas für den nächsten Podcast.

[29:43]
Hast du übrigens mitgekriegt: Es kommen ja jetzt der Reihe nach auch so Geschichten aus dem Trainingslager zum Vorschein. Nick Woltemade hat, glaube ich, in einem Podcast erzählt, denen war mega langweilig, weil es praktisch um Salem drumherum überhaupt nichts gab, gar nichts. Deswegen sind die Fahrrad gefahren und was weiß ich. Denen war so langweilig, dass Joshua Kimmich offensichtlich einen Pressevertreter gefragt hat nach der Pressekonferenz, wo denn das nächste Café wäre, wo er sich mal hinsetzen könnte. Und Nick Woltemade hat in einem Podcast erzählt, dass sie Verstecken gespielt haben mit mehreren Spielern.

[30:54]
Sehr gut. Man muss sich einfach mal zu helfen wissen. Das war für Nick Woltemade dann auch ein Problem, oder? Verstecken spielen. Die WM insgesamt schlecht gelaufen, beim Versteckenspielen verloren. Der Megawitz ist ja dann daraufhin noch zu sagen: Ja, das mit dem Versteckenspielen, das haben sie dann in dem Spiel gegen Paraguay fortgeführt. Haben sich alle vorm Elfmeterschießen versteckt. Genau. Nee, aber ja, und was ich noch dazu sagen wollte, habe ich gerade vergessen. Jetzt bist du dran. Gut, danke, dass ich wieder in die Bresche springen muss.

[32:15]
Ich glaube insgesamt – und das ist eine Sache, die mal abgesehen von diesem Drama der Deutschen, an das wir uns ja in den letzten Jahren auch gewöhnt haben -, dass es jetzt ja nicht so ist, dass wir irgendwie nach der EM 2016… das war ja noch so, dass wir da bis ins Halbfinale gekommen sind und dann gegen Frankreich raus, aber auf einem sehr guten spielerischen Niveau standen. Danach ging es dann so ein bisschen abwärts. Also es ist jetzt nicht so, dass es die Öffentlichkeit überrascht hat, dass die Deutschen früh rauskommen. Ich finde es auch interessant, dass die Leute immer noch nicht ihre Deutschlandfahnen hinuntergezogen haben oder dass die immer noch am Balkon hängen.

[33:31]
Teilweise sieht man es immer noch. Ich glaube, das hat aber – und darauf will ich jetzt hinaus – einfach mit diesem WM-Gefühl zu tun. Solange die WM läuft, egal ob man raus ist oder noch dabei ist, bleibt eben irgendwie so eine gewisse Verortung. Man hängt seine Deutschlandfahne raus. Hier um die Ecke habe ich auch eine Portugalfahne gesehen am Balkon und so weiter. Auch eine Kroatienfahne und was weiß ich was. Also es gibt diese Verortung, diese Identifizierung mit einer Mannschaft, mit einem Land. Das macht diese WM natürlich aus. Man muss natürlich sagen: Es ist ein gewisser Overkill dabei. Es ist ja auch viel, was wir einfach gar nicht mitbekommen, weil die Spiele spät nachts laufen.

[34:49]
Das ist ein ganz großes Problem, muss man ganz ehrlich sagen. Man guckt dann am Morgen einfach nur irgendwie auf den Ticker und schaut, wie das Spiel dann ausgegangen ist. Deshalb sind diese Spiele, die nachts laufen und die man guckt… ich habe mir jetzt dieses Portugal-Kroatien angeguckt auf meinem kleinen Telefon, weil ich dort nämlich meine Fernseh-App praktisch verortet habe jetzt auf der Reise nach Deutschland. Und weil ich keinen Zugang zu Magenta TV hatte, blieb mir nur diese Möglichkeit auf meinem – was ist das? – 6,1 oder 6,2 Zoll Dings. So habe ich Paraguay auch gesehen.

[36:13]
Siehst du? Und das ist etwas, was natürlich dann sagen wir mal diesen Rieseneffekt Fußball ein bisschen raushaut. Vor allem weil ich an dem Tag… ich habe Fußball schon ein bisschen das Spanienspiel vorher geguckt bei meinem Bruder und der hat irgendwie so eine Leinwand da hängen. Dann bin ich noch nach Hause und habe dann noch das zu meiner Family, also zu meiner Mutter, und habe da noch den Rest von diesem Spanienspiel auf dem normalen Fernseher geguckt und dann kam das Portugalspiel und dann nur noch auf dem Handy. Es wurde immer kleiner. Aber dieses Portugalspiel war trotzdem hochbrisant, hochinteressant, emotionsgeladen ohne Ende.

[37:41]
Und das ist halt das, wenn du das mitten in der Nacht irgendwie so erlebst. Das erinnert mich an die Kindheit, an diese Mexiko-WM 1986 zum Beispiel. Das ist schon schön. Da durftest du schon nachts? Ja, durfte ich, ich bin im Hippie-Haushalt großgeworden, da ging das schon. Ja, da war ich raus, ganz ehrlich. Das ist etwas, was ich schon schätze. Aber insgesamt ist es ja schon so, dass die WM trotzdem WM ist, mal unabhängig davon, ob Infantino da seine Machenschaften zieht. Trump hat man jetzt auch weniger gesehen als gedacht. Die WM bleibt eine WM und bleibt einfach eine schöne Sache, um auch so ein bisschen dieses Vielvölkersein in der Welt irgendwie ein bisschen abzufeiern.

[39:21]
Das kann man ja immer noch machen. Man kann ja dann auch, wenn Deutschland rausfliegt, kann man sich die nächste Mannschaft suchen, für die man ist. Was ist es bei dir zum Beispiel, Henning? Hast du dir schon eine auserkoren? Wen würdest du dir gerne wünschen als nächsten Weltmeister? Ja, schwierig. Wir können auch wetten, wenn du willst. Also Portugal wird es nicht, das glaube ich ziemlich sicher. Spanien wird sehr weit kommen, bin ich mir auch ziemlich sicher. Es gibt ja dann sehr wahrscheinlich dieses Halbfinalspiel Spanien gegen Frankreich. Und da ist dann praktisch Favoritensterben angesagt.

[40:48]
Richtig, also im Halbfinale, klar. Das ist natürlich schon ein heißes Duell. Und auf der anderen Seite, wenn man jetzt mal so das durchspielt: Argentinien-Brasilien, das wäre natürlich auch ein historischer Klassiker, Fußballklassiker. Aber dann müsste heute Abend Brasilien so einen Haaland da stoppen, und das sehe ich irgendwie noch gar nicht, weil der ist halt einfach… der macht aus der letzten Bude irgendwie ein Tor. Aber gibt es eine Mannschaft, für die du jetzt irgendwie einen gewissen Sympathiefaktor drin hast? Nicht wirklich. Kap Verden sind ja auch raus. Österreich auch. Die Schweiz ist ziemlich gut dabei, muss man ganz ehrlich sagen.

[42:07]
Die spielen jetzt gegen Kolumbien auch im Achtelfinale. Das wäre also dein Wunsch. Das wäre zumindest… es wäre ja cool, wenn die Schweizer mit, ich sag mal in Anführungsstrichen, so einer schlechten, vernachlässigten Liga so weit kommen würden. Das fände ich schon bemerkenswert. Ob sie es… Kolumbien kann ich nicht so sagen, aber ich glaube, Kolumbien ist jetzt auch kein Fußballneuling. Nee, die sind schon ziemlich hart. Also die Schweiz muss sich da ziemlich anschnallen. Aber die Schweiz ist schon mal weitergekommen als Deutschland. Richtig. Genau. Das ist auf jeden Fall der Fall und das ist wahrscheinlich so häufig auch noch nicht passiert.

[43:24]
Aber auch als die Niederlande. Wir haben ja immerhin zwei Sachen, die uns beruhigen lassen. Erstens: Die Niederlande sind mit uns gleichzeitig raus. Das heißt also, auch eine gute Mannschaft ist gleichzeitig mit uns rausgeflogen. Zweitens: Paraguay hat sich auch gegen Frankreich nicht schlecht angestellt. Und drittens: Italien hat sich gar nicht qualifiziert. So, das ist nämlich auch eine große Fußballnation. Genau. Also insofern… aber wie ist es für dich jetzt, wenn wir in diesem Biergarten sind, der jetzt wirklich gleich absolut einräumt: Ist es für dich so, dass das WM-Fieber noch da ist?

[44:38]
Ja, was heißt Fieber? Also ich fange meinen Tag morgens um 12 an mit Wimbledon und schaue mir die ersten Spiele an bei Amazon Prime. Und dann gehe ich jetzt seit gestern rüber zu Eurosport, um die Tour de France zu gucken. Weil da sind die Deutschen noch dabei. Und gegen Abend konzentriere ich mich dann mal auf Fußball. Aber er arbeitet auch zwischendurch. Das wollte ich an der Stelle noch mal sagen. Das klingt jetzt so, als ob der Henning… Ist das für dich? Nee, das war Kloppo, der anruft und fragt, ob du irgendwie sein Assistenztrainer werden willst.

[45:49]
Ja, ich will. Nee, es war der E-Scooter-Abholer-Kollege. Henning arbeitet ja trotzdem, das wissen wir. Aber sein freier Tag ist auf jeden Fall von anderen Sportarten schon überlappt, wenn man so will. Und da passieren natürlich auch tolle Sachen. Um es kurz zu machen: Ich habe neben meiner Arbeit… ich schaue mir halt auch jetzt gerade im Sommer ein bisschen Sport an. Und dummerweise laufen jetzt auch gerade die Sachen, die mir eigentlich auch so ein bisschen Spaß machen, also Tour de France. Wimbledon ist ein grandioses Turnier. Und ja, die WM kollidiert damit ja ungefähr null. Das ist ja der große Vorteil an der Geschichte.

[47:11]
Absolut. Und ich meine, da kann man dann natürlich dann auch sagen: Ob jetzt Deutschland noch dabei ist oder nicht, das würde sich ja dann nur auf zwei oder drei oder im Höchstfall noch vier weitere Spiele irgendwie beschränken. Es ist natürlich schon so, und das merkt man so einem Land schon an, so einer großen Fußballnation wie Deutschland, wenn die Mannschaft frühzeitig ausscheidet, dass dann eben so ein bisschen der Druck vom Kessel ist, dass die Leute das nicht mehr so ernst nehmen und dass das alles so etwas ausebbt. Jetzt haben wir eine Folge lang nur über Fußball gesprochen. Meinst du, das nehmen uns unsere Hörer krumm?

[48:38]
Und Hörerinnen, oh Gott im Himmel, ich habe den zweistündigen Diversity-Workshop hinter mir und es tut mir leid. Also ich glaube, angesichts der weltpolitischen Bedeutung des Fußballs heutzutage kann man das abhaken und sagen: Einmal oder zweimal im Jahr kann so eine Folge auch von Fußball bestimmt sein, vor allem zu einem Zeitpunkt, wo so große Turniere wie die EM oder wie die WM laufen. Insofern an dieser Stelle noch mal euch allen, die ihr keine Lust auf Fußball habt und eigentlich schon vollkommen mit diesem Thema abgeschlossen habt: Es tut uns leid, dass es jetzt so gelaufen ist. Aber wir mussten diesen Moment auch nutzen, Henning, dass wir zusammen in diesem brechend vollen Biergarten sitzen.

[50:06]
Mann, Mann, Mann, ist das herrlich. Und jetzt so langsam sollten wir vielleicht mal doch zum Schluss kommen, weil es einfach zu laut wird hier, Henning. Und da stehen auch schon die Jungs und warten darauf, dass wir gehen. Also, das war’s. Jeder, der uns was zum Thema Jürgen Klopp oder so mal texten möchte, kann das gerne tun mit einer E-Mail: . Tilo, du hast die letzten Worte. Ja, und dann sehen wir uns, Henning, wieder in alter vertrauter… in altem vertrautem 2500 Kilometer Abstand an der längsten Teke der Welt. Ich muss sagen, dieser Faktor, dass wir hier so nah beieinander diesen Podcast gemacht haben – das ist ekelhaft. Das hat mich das eine oder andere Mal rausgehauen. Bis zum nächsten Mal. Tschüss. Ciao.