Die analoge Zukunft im Check

Heute sind wir wirklich in Höchstform, denn wir sprechen über unsere Zukunft: Wie analog wird die denn sein? Unterhalten wir uns bald nur noch mit der KI, wenn wir ein Problem haben? Und informieren uns über Social Media? Wir diskutieren, ob Australien mit seinem Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige den heiligen Gral der Erziehung gefunden hat oder ob wir uns mit unserer Sehnsucht nach Vinyl und analogen Fotos nur selbst belügen. Eine Folge über die Tiefe in der Welt der Oberflächlichkeit, garniert mit einer Prise KI-Hörigkeit und Rosmarintee.


Transkription:
[00:00] Henning Schwörer: Tilo, es ist ja so, vor ein paar Jahren hast du mir mal erzählt, dass der Benzinpreis bei euch irgendwie bei 1,93 € wäre, wo ich mich noch darüber echauffiert habe, dass er bei uns irgendwie bei 1,60 €, 1,70 € damals war. Wo ist denn der Benzinpreis im Moment bei euch in Portugal?

[00:26] Tilo Wagner: Benzin ist noch einigermaßen zu verkraften, ist irgendwie bei 1,78 €, 1,80 € oder sowas, aber der Diesel ist so bei zwei Euro. Aber da gibt’s einen Unterschied. Wir reden natürlich jetzt von den Folgen des Iran-Konflikts für uns als Europäer, die wir in unserer warmen Stube sitzen weiterhin und keine Bomben auf unser Dach fallen. Insofern können wir uns Gedanken über den Benzin- und Dieselpreis machen und das machen wir jetzt. Der wird nämlich nur einmal in der Woche verändert. Das heißt, pro Woche gibt’s eine Veränderung an den Zapfsäulen in Portugal. Das bedeutet, die letzte Veränderung war von Sonntag auf Montag, das findet so statt und es wird vorher auch immer publiziert, was es damit auf sich hat. Deshalb hatten wir jetzt am Wochenende schon schöne lange Schlangen an den Zapfsäulen. Gerade die Dieselfahrzeuge sind alle nochmal vor die Tanke gefahren und haben getankt, weil sie wussten, dass es am Montag 20 Cent teurer wird.

[01:44] Henning Schwörer: Die Vermutung ist aber auch, dass es tendenziell dann für die ganzen Benziner teurer wird bei euch?

[01:47] Tilo Wagner: Bei euch ist doch auch der Dieselpreis wesentlich höher, oder?

[01:50] Henning Schwörer: Ja, das stimmt schon, aber ich komme auch, je nachdem wann ich tanke, gut und gerne mal über die zwei Euro drüber. Wenn ich in der Rushhour tanke, dann bin ich über den zwei Euro.

[02:02] Tilo Wagner: Genau, das ist der Nachteil, wenn man so ein System hat, das wie die Strompreise auf die kleinste Veränderung des Energiepreises an den Energiebörsen reagiert und dann setzen die Tankwarte gleich mal das Ding ein bisschen höher. Das ist, wie gesagt, noch etwas entschleunigter in Portugal und deshalb gab es bisher nur eine Sieben-Cent-Erhöhung für Benziner am letzten Sonntag. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das jetzt nächsten Sonntag weitergeht nach oben, aber wir haben das eher schubweise und nicht diesen täglichen Stress.

[02:45] Henning Schwörer: Da liegt dann auch der Unterschied zwischen der Wirtschaft in Portugal und in Deutschland.

[02:47] Tilo Wagner: Genau, wir sind einfach ein bisschen „laid back“ hier.

[02:51] Henning Schwörer: Es gab ja mal eine Diskussion darüber, ob man nicht vielleicht auch in Deutschland dieses nur einmal tägliche Ändern des Preises einführen soll. Vielleicht kommen wir ja noch dahin. Das soll aber alles heute gar nicht unser Thema sein, denn wir haben ein ganz anderes Thema. Aufgrund dessen, dass wir beide keine Nahost-Experten sind, können wir zum Thema Iran-Konflikt relativ wenig sagen, außer gefährliches Halbwissen, für das wir natürlich berühmt sind.

[03:31] Tilo Wagner: Genau, aber das ist natürlich gerade in so einer Geschichte mit einem Krieg schwierig, da den Leuten, die sich sehr gut damit auskennen oder so tun, als ob sie sich damit auskennen, das Wasser zu reichen. Wir machen was ganz anderes, Henning, und das ist aber auch super spannend. Ich freue mich schon auf diesen Podcast, aber vorher machst du, Henning, mal ein Bier auf.

[04:21] Henning Schwörer: Da haben wir aber noch die Kurve bekommen, bevor wir jetzt vielleicht doch ein ganz anderes Thema auf die Agenda gesetzt hätten. Hallo, hier ist die neue Ausgabe vom Podcast „Auf zwei Bier“ mit meinem geschätzten Freund und Kollegen Tilo Wagner in Portugal. Hallo Tilo!

[04:44] Tilo Wagner: Hallo! Mir gegenüber sitzt wie immer am längsten Tresen der Welt Henning Schwörer in seinem Kapuff in Mainz, in seiner Dachstube, die immer ein bisschen aussieht wie dieses berühmte Bild von dem Poeten im Bett. Es fehlt nur noch der Schirm. Ich freue mich sehr, dass wir da sind. Wir sind diesmal ein bisschen später dran. Das hatte damit zu tun, dass wir das eine Mal wohl nicht so richtig hinbekommen haben aus irgendwelchen privatwirtschaftlichen Gründen und das andere Mal warst du ein bisschen angeschlagen, Henning, und dann haben wir es im letzten Moment noch abgesagt. Das hätte uns heute auch passieren können, aber mir geht’s ein Stückchen besser als dir. Ihr hattet ja bisher einen Wahnsinns-Spätwinter, immer jeden Tag zehn Grad über der Normaltemperatur. Im Sommer würde man darüber stöhnen und das eine Hitzewelle nennen, aber ihr habt so richtig nettes Wetter gehabt. Bei uns war das diesen Winter allgemein anders. Wir hatten es mal so richtig kalt mit acht Grad gefühlt eins. In dieser kurzen Phase von zwei, drei Tagen habe ich mir doch noch eine kleine leichte Erkältung zugezogen, die erste in diesem Winter auf die letzten Meter. Deshalb werde ich heute, um auf das Getränkethema zu kommen, Tee trinken.

[06:33] Henning Schwörer: Sei dir gegönnt. Wir sind jetzt schon fast sieben Jahre dabei. Ich habe so das Gefühl, wir müssen uns im siebten Jahr nochmal einen anderen Namen als „Auf zwei Bier“ überlegen, weil das mit dem Bier wird langsam schwierig.

[07:05] Tilo Wagner: Wie wär’s mit „Auf damals zwei Bier“?

[07:09] Henning Schwörer: Oder „Auf zwei Kaltgetränke“. Darauf können wir uns einigen.

[07:22] Tilo Wagner: Ich hole jetzt mal meinen Tee raus. Da ist übrigens auch noch der Teebeutel drin, den werde ich jetzt rausziehen. Ich trinke nämlich Rosmarintee. Das soll nämlich gut für den Rachen sein.

[07:39] Henning Schwörer: Dann wünsche ich dir gute Genesung.

[07:44] Tilo Wagner: Und du? Du bist aber richtig bei Bier, hast du richtig Bock auf ein Bier heute bei euren sommerlichen Temperaturen?

[07:52] Henning Schwörer: Ich habe richtig Bock auf ein Bier. Bei uns hat es zwar wieder angefangen zu regnen, aber du hast schon am Wochenende den ersten Grillduft in der Nase gehabt von den Nachbarn hier. Wenn das kein Frühlingssignal ist, dann weiß ich es auch nicht. Von daher nehme ich ein Bier und ich nehme ein ganz besonderes. Ich zeig’s mal.

[08:29] Tilo Wagner: Ich seh’s. Es wird nicht scharf, aber ich erkenne es.

[08:33] Henning Schwörer: Es ist ein Heineken, und zwar 15 Zentiliter. Das wird in Frankreich gerne verteilt in Zehnerpacks.

[08:48] Tilo Wagner: Das ist ja noch kleiner als ein Mini, also als ein portugiesisches.

[08:52] Henning Schwörer: Wahnsinnig groß ist es nicht. Aber ja, ist immer sehr witzig.

[09:05] Tilo Wagner: Das klang aber gut jetzt eben. Dann sagen wir erstmal Prost, Henning!

[09:12] Henning Schwörer: Prost! Ich stoße mit meiner Fußball-Teetasse an. Siehst du die? Ganz gut, oder?

[09:18] Tilo Wagner: Na ja, die einen sagen so… Und ich versuche mich hier im Basketball. (Geräusch: Ein Wurf in einen Mülleimer) Daneben natürlich.

[09:28] Tilo Wagner: Hat aber gut geklimpert. Sixpack und dann ist er bitte draußen. Das ist auf jeden Fall eine tolle Sache. Diese Biere hätte es mal früher geben sollen, als wir mit dem Biertrinken angefangen haben. Da mussten wir häufig auf die 0,5er ausweichen und waren sofort hackevoll und sind irgendwo rumgeeiert. Das wäre uns bei den 0,15ern nicht passiert.

[09:58] Henning Schwörer: Vor allem diese Theorie von wegen: Es ist relativ schnell leer und es bleibt immer kalt. Die gilt natürlich auch bei 0,15 Litern. Sieht irgendwie so aus, als ob man es im Flugzeug kriegen würde, aber kommt wie gesagt aus Frankreich.

[10:21] Tilo Wagner: Dann haben wir ja eigentlich die Hälfte der Sendung schon rum, bevor wir zu unserem Thema gekommen sind. Schnall dich an, ich habe mir da jetzt eine Überleitung überlegt. Bier ist ja auch verboten, also ab 16 darf man Bier trinken in Deutschland, oder ist es erst ab 18?

[10:43] Henning Schwörer: Ab 16 darf man Bier trinken, meines Wissens.

[10:49] Tilo Wagner: Genau. Das ist praktisch die gleiche Kategorie wie das Smartphone für die australische Jugend. Die darf ja auch jetzt erst ab 16.

[11:03] Henning Schwörer: Den fand ich schon nicht schlecht.

[11:13] Tilo Wagner: Jetzt ist die Frage: Was ist eigentlich die richtige Droge? Das Bier oder das Smartphone?

[11:22] Henning Schwörer: Das ist eine gute Frage. Ich kann es dir ehrlich gesagt nicht so richtig beantworten. Ich würde fast sagen, dass das Smartphone irgendwie so eine neue Droge geworden ist. Wir wollten uns heute gar nicht so sehr mit dem Thema beschäftigen, ob so eine Abschaffung, wie sie in Australien stattgefunden hat, wirklich so wahnsinnig sinnvoll ist, sondern vor allem mit der Frage, wie analog eigentlich unsere Zukunft sein wird.

[12:01] Tilo Wagner: Ich finde den Vergleich mit dem Bier insofern interessant, weil wir uns natürlich fragen müssen: Was können wir der Jugend zutrauen? Das ist die Frage bei Alkohol, bei Haschisch oder Marihuana oder anderen Drogen, die in Deutschland schon teilweise legal sind. Man muss sich fragen, was man an einen aufwachsenden Menschen ranlässt. Wenn jetzt ein Social-Media-Verbot in Australien stattfindet und viele andere Länder in Europa und auf der ganzen Welt darüber nachdenken, dann muss man sich im Klaren darüber sein, dass wir Social Media oder das Smartphone für die Entwicklung eines jungen Menschen nicht für gut halten. Wenn wir das jetzt mal so runterbrechen, würde ich sagen, ist das schon erstaunlich. Wir scheinen, ähnlich wie beim Alkohol oder bei rekreativen Drogen, nicht die Möglichkeit gehabt zu haben zu sagen: Das ist blöd, das lassen wir überhaupt weg. Nein, wir müssen es zumindest für Leute, die noch im Wachstumsstadium sind, geistig und auch körperlich, raushalten. Das Smartphone oder Social Media sind ja so jung. Bei Bier haben die Leute vorher ungefähr 7.000 Jahre Bier getrunken, und zwar wahrscheinlich auch die Jungen. Insofern ist es schon sehr erstaunlich, dass wir jetzt darüber reden, dass wir 15 oder 18 Jahre Smartphones haben und Social Media vielleicht 20 Jahre haben, und in dem Moment werden wir schon an den Punkt gerufen zu sagen: Hier und nicht weiter. Das finde ich ein Statement dafür, dass wir fühlen, dass diese Welt eigentlich keine gute sein kann, die über das Smartphone aufgebaut wird. Ähnlich wie wir uns das auch nicht gut vorstellen, wenn die Leute die ganze Zeit besoffen unterm Tisch liegen. Das ist interessant.

[14:30] Henning Schwörer: Ich finde nichts Verwerfliches daran, dass man rechtzeitig erkennt, dass ein übermäßiger Smartphone- oder Social-Media-Konsum nicht gerade das Gelbe vom Ei ist. Von daher haben sie meinen Segen dafür, dass man dafür Regularien einzieht. Aber die Frage ist natürlich, welche. Ich habe gehört, in Australien funktioniert das Ganze nicht so wahnsinnig gut. Beziehungsweise, die Hürden, so etwas einzuziehen und einzubauen, sind relativ hoch und es ist schwierig, so etwas zu reglementieren. Auch in Deutschland wäre das schwierig, weil man vor so eine App einen Altersnachweis macht. Die Hersteller werden wahrscheinlich nicht selber einen Altersnachweis vor die App bauen, also musst du praktisch eine Software entwickeln, die die Altersverifikation vor die Software hängt. Das ist alles andere als einfach und auch nicht billig. Gerade bei der Verifizierung sind ja immer wieder Leute in Callcentern in Tschechien dabei, die dir den Ausweis abnehmen.

[16:29] Tilo Wagner: Diese technische Frage ist interessant. Allgemein geht es uns jetzt nicht nur um das Smartphone-Verbot, sondern allgemein: Was für eine analoge Welt stellen wir uns in der Zukunft vor? Wie analog wird die überhaupt noch werden? Ich glaube, da haben wir einen Punkt, wo wir merken, dass uns schon was aus dem Ruder gelaufen ist und wir versuchen, das durch solche Sachen jetzt nachzujustieren. Das wird genauso schlecht funktionieren wie ein Alkoholverbot, denn das funktioniert ja auch nicht. Ich habe mit 14 auch schon mein erstes Bier getrunken. Es war schon immer leicht, Verbote zu umgehen, und das wird bei diesem Social-Media-Verbot auch der Fall sein. Die Frage ist, was für ein Zeichen wir dadurch aussenden wollen. Es geht darum, dass die Leute sich bewusst sein sollen, dass das nicht so ohne ist, dieses Zeug. Bringt uns das zu einer analogeren Gesellschaft? Da habe ich ganz große Zweifel dran.

[17:41] Henning Schwörer: Das glaube ich auch nicht. Es wird uns jetzt nicht zu einer analogeren Welt bringen. Im Endeffekt ist es auch immer eine Ermessensfrage der Eltern, inwiefern sie ihre Kinder an die smarte Zukunft ranlassen. Auf der anderen Seite, wenn wir in diese analoge Zukunft reinschauen: Es gibt ja schon ein paar Bestrebungen, wo man sagen kann, dass diese Welt sich durchaus auch nach analogen Rückkehrern sehnt. Ich erinnere nur an die analogen Comebacks wie zum Beispiel Vinyl und Schallplatte.

[18:34] Tilo Wagner: Absolut. Ist in Deutschland absolut hip. Auch Printmagazine oder Notizbücher sind total angesagt. DIY hat zwar einen englischen Begriff, aber auch da ist es was relativ Analoges, was wieder groß im Kommen ist. Natürlich werden wir in Zukunft die Technik weiter für uns nutzen, aber ein bisschen Digital Detox ist wahrscheinlich für die eigene mentale Gesundheit gar nicht mal so schlecht.

[19:17] Tilo Wagner: Das auf jeden Fall. Die Frage ist, ob das dadurch passiert, dass man Vinylplatten kauft und sich eine Anlage für 7.000 € ins Wohnzimmer stellt und da dann Jimi-Hendrix-Solos hört. Da geht es ja nicht nur um Detox, sondern auch um Qualität. Spotify klingt ja teilweise echt bescheiden. Wenn man das über eine gute Anlage hört, kommt das nicht mal an CD-Format ran. Wie ist es zum Beispiel mit der Fotografie? Analoge Fotografie ist auch wieder so ein Nischenmarkt geworden. Da habe ich meine Bedenken, weil das Ganze enorme Ressourcen verbraucht, gerade diese gesamte Entwicklungsgeschichte. Da musst du schon Kohle dabei haben, um allein bei der Schwarz-Weiß-Fotografie anzufangen, so einen Abzug zu machen, weil das Fotopapier so teuer ist. Dieses Analoge ist die Frage, ob das eine Nostalgie ist von einer Gesellschaft, die geradewegs in die KI-Katastrophe reinsteuert.

[20:37] Henning Schwörer: Das hast du schön gesagt als alter Bildredakteur. Du kannst das gleich als Überschrift deinem Chef noch schnell in WhatsApp schreiben. Aber ich glaube immer noch daran, dass die Menschen die Maschinen steuern und nicht die Maschinen die Menschen.

[21:09] Tilo Wagner: Das ist jetzt noch der Fall, aber in fünf Jahren wird’s wahrscheinlich schon anders sein, oder vielleicht in 15 oder 20 Jahren. Ich habe heute ein schönes Beispiel gesehen über die neuen AirPods und offensichtlich bei anderen In-Ear-Kopfhörern. Es ist so, dass die so eine „on the fly“ Sprachübersetzung haben, die natürlich auch mit KI läuft.

[21:49] Tilo Wagner: In dem Ohr ist ja auch kein Platz für eine Sprecherkabine.

[12:52] Henning Schwörer: Diese Geräte sind alle gnadenlos durchgefallen. Die AirPods von Apple können zwar relativ zeitnah übersetzen, aber sie verstehen nicht alles und übersetzen dann Blödsinn, den du geschäftlich wie privat nicht wirklich nutzen kannst. Dann gibt’s bei Amazon von so einem asiatischen Hersteller noch Kopfhörer für 37 €, die das auch können. Bei denen ist das so: Erstmal ist es zu 80 % sicher, dass alles, was du sprichst, erstmal nach Hongkong gejagt wird, bevor es übersetzt wird. Du sprichst und dann kommt das Ergebnis. Es ist nicht so, dass eine Konversation zwischen zwei Menschen stattfinden kann, weil der eine erst spricht und dann die Übersetzung kommt. Das ist so, wie wenn du das bei Google Translate einsprechen würdest. Das habe ich irgendwie 2010 in Sardinien schon beim Volkswagenhändler gemacht, als ich meine Karre geschrottet hatte. Von daher hat das alles noch nichts mit KI zu tun.

[23:31] Tilo Wagner: Doch, mit KI hat das schon eine ganze Menge zu tun. KI ist ein System, das sich tagtäglich bei der Benutzung von uns Menschen weiterentwickelt und weiterlernt. Wir sind da noch nicht an dem Punkt angelangt. Ich wollte mich vielleicht nicht absolut in diese KI-Welt versteifen, aber mir kommt es manchmal so vor, dass dieses Detox-Wochenende, Detox-Ferien oder Vinyl im Prinzip solche Luxus-Spa-Trips für den digital verseuchten Ottonormal-Consumer wie uns sind, die auch die ganze Zeit am Handy hängen. Ich glaube, wir spielen uns da ein bisschen was vor. Ich glaube, das ist Teil des ganzen großen Spiels. Die Menschheit wird, wenn sie mal etwas angefangen und entwickelt hat und eine Parallelwelt aufgebaut hat, nicht wieder zurückrudern. Als die Menschen angefangen haben zu sprechen, kam nicht irgendwann jemand auf die Idee und hat gesagt: „Vielleicht sollten wir doch lieber nicht sprechen, weil das führt zu Mord und Totschlag.“ Du machst dir nochmal so ein Riesenbier auf. Das ist das erste Mal, dass der Henning in diesem Podcast zwei Bier trinkt. Das liegt wahrscheinlich an meinen Monologen oder daran, dass die Bierflasche nur 0,15 Liter hat.

[25:21] Henning Schwörer: Diesmal auch daneben. (Geräusch: Ein Wurf in einen Mülleimer)

[25:28] Tilo Wagner: Das ist normal bei dir, Henning, du bist kein geborener Basketballspieler. Aber die KI kann das ja vielleicht mal machen. Diese Entwicklung kann man wahrscheinlich wirklich nicht mehr aufhalten. Da sind zu viele Leute am Hebel und zu viele, die davon profitieren, und wir selbst tun das ja auch. Unser ganzer Job wäre in der analogen Welt überhaupt nicht so möglich, wie ich ihn jetzt hier vollziehe. Es sind tausend Sachen, die das Leben einfacher und in vielen Teilen auch besser machen. Jetzt ist die Frage: Es kann natürlich auch sein, dass wir damit auf lange Sicht dieser Generation damit schaden, weil die wahrscheinlich auch diesen Widerstand gegenüber dem Digitalen und der KI entwickeln und deshalb irgendwann den Kürzeren ziehen. Leute, die mit KI-gesteuerten Unterhaltungsprogrammen aufwachsen, werden vielleicht fähiger sein, das in ihrem Arbeitsalltag irgendwann so anzupassen, dass sie halt nur ein Rädchen von allem bleiben, aber in diesem Zusammenspiel mit der KI sich alles vermischt. Wir kreieren dadurch natürlich dann auch die nächste Bubble. Alles geht weiter. Digitalisierung geht weiter, Social Media, das nimmt immer mehr Platz in unserem Leben ein. Die KI wird immer mehr übergreifen, aber mein Kind läuft barfuß durch den Wald und jagt Indianer.

[27:32] Henning Schwörer: Das sind so geile Bilder, die du da malst. Witzigerweise habe ich in Vorbereitung auf diese Folge die KI gefragt, was sie davon hält: Digitalisierung und wie eine analoge Zukunft aussehen könnte. Die Punkte, die die KI genannt hat, waren doch sehr interessant. Sie hat mir übergreifende Gründe geschrieben: Entschleunigung (analoge Dinge zwingen uns, langsamer zu werden), Haptik und Sinne (wir sind sinnliche Wesen, Bildschirme reichen nicht), Identität (analoge Objekte erzählen Geschichten über uns) und Gegenbewegung (je digitaler die Welt, desto stärker die Sehnsucht nach dem Analogen). Die These, die die KI daraus geschlossen hat, war: Analoge Comebacks sind kein Rückschritt, sondern eine bewusste Entscheidung für Tiefe in einer Welt der Oberfläche. Das ist ein Satz, den hätte ich normalerweise aus deinem Mund gehört, Tilo.

[31:17] Tilo Wagner: Vielleicht bin ich ja auch eine KI, wer weiß das schon. Und da bricht die Verbindung zusammen. Das mit der Tiefe in der Welt der Oberfläche ist schön. Aber das ist gleichzeitig von der KI selbst, die ja eine Sammlung von Hunderten und Tausenden von Impulsen und Nachrichten ist, die wir mittlerweile immer „die KI“ nennen, so wie wir Gott nennen. Das ist singular, „die KI“. Es gibt gar nicht verschiedene Softwares oder Programme, es gibt immer nur „die KI“. Ich wollte jetzt Produktnamen bewusst vermeiden. Dass sie das jetzt sagt, ist ja nicht verwunderlich, erstens, weil sie nun mal auch diese Antworten findet. Sie will dir ja genau die Antwort geben, die du hören willst. Wenn du diese Frage stellst, dann weiß sie schon ganz genau, wer du bist. Wenn du so eine Frage stellst, dann willst du hören: Entschleunigung, Tiefe in der Oberfläche.

[34:53] Henning Schwörer: Das mag ja sein, aber das ändert ja nichts an den Punkten, die sie genannt hat. Du möchtest auf den Punkt raus, dass die KI dir nach dem Mund redet und nie die Wahrheit sagen würde. An der Stelle muss man sagen: Die Frage war nach der analogen Zukunft und wieso wir uns so etwas wünschen würden. Das sind mögliche Faktoren und das stimmt soweit.

[35:54] Tilo Wagner: Da gebe ich dir recht. Aber man kann das auch noch mal so sehen: Ich glaube, wir sind noch nicht an dem Moment angekommen, wo wir diesen KI-Instrumenten, mit denen wir reden, einen eigenen Willen zuschreiben können. Sie funktionieren noch wesentlich mechanischer, aber sie reagieren schon darauf, wie und was du fragst und machen sich dann auf die Suche nach den Antworten dieser Frage. Das allein ist ja dann schon gesteuert, weil du durch die Frage selbst die Antwort steuerst. Wenn man es jetzt mal ganz böswillig sagen will, ist diese Antwort natürlich auch für uns beruhigend für denjenigen, der sich nach der analogen Welt sehnt. Es ist aber auch für die gesamte Struktur der digitalisierten Gesellschaft, in der wir leben, beruhigend. Wenn da eine Antwort kommen würde: „Die analoge Welt ist die wahre Welt und die digitalisierte ist nur eine scheinbare, die es zu zerstören gilt“, dann hätten wir hier den Aufruf zu einer Revolution gegen KI und Social Media, was das System, auf dem die KI basiert, stürzen würde. Diese Antwort wird natürlich nicht kommen. Wenn sie diese kleinen Häppchen gibt, Entschleunigung, Tiefe in der Oberfläche, dann werden die Leute, die eventuell potenzielle Revolutionäre sein könnten, denen werden ein paar Häppchen hingeworfen, aber an der Struktur und an der Entwicklung und an der Richtung, in die wir steuern, ändert das nichts. Natürlich ist es nicht so, dass die KI ein Bewusstsein darüber hat und sagt: „Guck mal, wenn der jetzt nach dem Analogen fragt, dann stellt er letztendlich mich selbst als KI in Frage, also muss ich ihm irgendetwas…“ Ich glaube nicht, dass wir so weit schon sind.

[38:12] Henning Schwörer: Es ist auch nicht so, dass wenn du der KI sagst: „Ich möchte gerne eine analoge Zukunft, wie muss die aussehen?“, dass dann die KI sagt: „Analoge Zukunft wird’s nicht geben. Nicht mit mir. Da gebe ich keine Antworten drauf, du zerstörst meinen Arbeitsplatz.“ Ich würde sagen, wir machen an der Stelle den Deckel drauf und verabschieden uns von dieser Folge. Wir nennen die Ausgabe einfach „Lanz und Precht“. Das würde der ganzen Sache am nächsten kommen.

[38:55] Tilo Wagner: Oder „Lanze und Brechen“.

[39:01] Henning Schwörer: Oder das. So viel philosophiert wie heute haben wir schon lange nicht mehr. In diesem Sinne: Das war’s. Wenn ihr philosophieren wollt: . Tilo, es war mir wie immer eine Freude.

[39:26] Tilo Wagner: Ich danke dir, Henning, und ich wünsche euch allen noch einen wunderschönen Monat März.

[39:33] Henning Schwörer: Das wünsche ich auch. Bis zum nächsten Mal. Tschüssi!

[39:37] Tilo Wagner: Ciao!